Liebeserklärung an Schottland

 

 

 

 

Schottland – eine Liebeserklärung

 

Dudelsack, Männer in Röcken, Schlösser und Ruinen, Whisky und viel Regen, das sind wohl die Bilder, welche die meisten Menschen vor Augen haben, wenn sie zu Schottland gefragt werden.

 

Alles – mit Ausnahme des Regens – auch richtig. Jedoch hat dieses Land am Rande Europas viel mehr zu bieten, als diese allseits bekannten Klischees. Wer nach Schottland fährt, der sucht andere Urlaubserlebnisse als einen völlig überfüllten Strand, wo bei mehr als 30 oC ein Sonnenhungriger neben dem anderen liegt und am Abend das Gros der Touristen in Lokalen wie Ballermann Vergnügung sucht. Schottland und insbesondere das Hochland ist eine der letzten wilden und nahezu unberührten Regionen Europas. Wer Einsamkeit sucht, die großartige, manchmal fast bedrückende Weite endloser, mit blühender Heide bestandener Hochmoore mag und von Gebirgszügen, die nur mit Mondlandschaft verglichen werden können, begeistert ist, kommt an der Heimat von Macbeth und Braveheart nicht vorbei.

Schottland macht süchtig. Schon bei meinem ersten Besuch im Jahre 1996 passierte es: irgendwo auf der Strecke von Inverness nach Kyle of Lochalsh, vorbei an tiefen ruhigen Lochs, gesäumt von steil aufsteigenden Bergen, erfasste mich ein unbeschreibliches Glücksgefühl und mir war klar – hier liegen die Wurzeln aller meiner geheimen Sehnsüchte. Ich wusste, ich kehre hierher zurück, immer wieder. 2009, bei meinem nunmehr insgesamt sechsten Schottlandurlaub hat das Land von seiner Faszination nichts verloren – im Gegenteil: die Begeisterung wächst von Jahr zu Jahr.

 

Das Beeindruckendste für mich war jedoch, dass meine Frau Rita nach unserer ersten Tour durch Schottland 1996 die gleichen Gefühle empfand wie ich. Wir haben zunächst jedoch nicht darüber gesprochen. Erst lange Zeit nach unserer Rückkehr sind wir wieder auf das Thema Schottland gekommen und wir beide äußerten fast gleichzeitig den Gedanken, dass wir uns irgendwann in Schottland niederlassen werden. Ein Hirngespinst werden viele sagen, genau so, wie es viele unserer Freunde getan haben, denen wir diese Gedanken mitteilten. Sicher ist es bisher ein Wunschtraum. Jedoch wird dieser Traum irgendwann Wirklichkeit werden, davon sind meine Frau und ich nach jedem Urlaub in Schottland fester überzeugt, als je zuvor.

 

Schottland bildet den nördlichen Teil von Großbritannien und misst eine Fläche von 78.765 km. Ca 5,1 Millionen Menschen leben dort, so dass durchschnittlich 65 Einwohner pro km2 leben. Zum Vergleich: in Deutschland sind es 224 Einwohner pro km2.

Von drei Seiten von Wasser umgeben, gibt es keinen Punkt in Schottland, von dem man mehr als 120 km vom Meer entfernt ist. Das bedeutet, man fährt maximal 2 Stunden mit dem Auto und steht an einer der unzähligen Steilküsten. Das Land wird in drei Hauptgebiete unterteilt: die Lowlands (das schottische Tiefland – wobei man sich von dem Namen nicht täuschen lassen sollte, da es auch hier stattliche Mittelgebirge gibt), das zentrale Hochland – die Centrals – und die Highlands mit den Inseln in Norden und Westen.

 

Die Highlands sind dabei zweifellos der faszinierendste, landschaftlich abwechslungsreichste Teil. Fjordartige Küstenlandschaften, wo sich schroffe und bis zu 100 m hohe Steilküsten mit herrlich weißen Traumstränden, die durchaus mit jedem Karibikstrand konkurrieren können, abwechseln. Gerade in den nordwestlichen Highlands, also in den Grafschaften Sutherland und Wester Ross finden sich einige der schönsten Sandstrände ganz Schottlands. Weißer Sand, azurblaues Wasser in dem bizzare Felsformationen stehen, laden zu Baden ein. Wenn doch nur das Wasser etwas wärmer wäre. Bei 13-14 oC baden wohl nur die hartgesottensten Touristen und Einheimischen.

 

Auch die Lufttemperatur ist selten höher als 20 oC, wobei auch frostige Tage im Winter eher die Ausnahme sind. „Schuld“ daran ist der Golfstrom, welcher in geschützten Buchten (z.B. Plockton) Palmen wachsen lässt. Eine wahre Fundgrube für Garten-, Park- und Pflanzenliebhaber aus aller Welt sind die Inverewe Gardens bei Poolewe, unweit von Gairloch. Um 1865 von Osgood McKenzie angelegt, um zu zeigen, was man aus dem kargen schottischen Boden so herausholen kann, stehen dort heute mehr als 2.500 verschiedene Pflanzen. Darunter befinden sich auch exotische Gewächse aus Südamerika, Australien und Neuseeland und das auf der gleichen geographischen Breite wie Moskau!. Besonders die Monate Mai und Juni, wenn die Rhododendren blühen, empfehlen sich für einen Besuch.

Wer nach Schottland fährt, sollte auf keinen Fall verpassen, die Isle of Skye in seine Planungen mit einzubeziehen. Eilean A’Cheo – gälisch für Insel des Nebels, macht ihrem Namen oftmals Ehre. Wolkenverhangen präsentieren sich die Cuillins, eine bis auf 1.000 m ansteigende Bergkette, deren Namen die Herzen der Bergsteiger in aller Welt höher schlagen lässt.

 

Vorbei am Sligachan Hotel mit der bekannten Brücke geht es nach Carbost, wo malerisch am Loch Harport die Talisker Destillerie liegt, die einzige übrigens auf der Insel. Ihr Single Malt, der 10-jährige wird mit 45,8 % abgefüllt und besonders von Liebhabern stark getorfter Malts gern genommen, wurde bereits als „Lava der Cuillins“ bezeichnet. Bei einem der geführten Rundgänge durch die heiligen Hallen kann man (fast) alle Geheimnisse der Herstellung des bereits von Robert Louis Stevenson hochgelobten Stoffs erfahren.

 

Weiter nördlich auf der Insel, vorbei an Loch Bracadale, der von vielen als malerischster Loch ganz Schottlands bezeichnet wird, gelangt man zu Dunvegan Castle, unweit des gleichnamigen Ortes. Das Schloss, welches äußerlich einen etwas heruntergekommenen Eindruck vermittelt, ist seit mehr als 700 Jahren der Stammsitz der McLeods. Unbedingt einen Besuch wert ist der gepflegte Park mit zahlreichen z.T. exotischen Pflanzen. Im Schloss findet man unter anderem die Fairy Flag, die Feenfahne, welche dreimal den Clan der McLeods vor dem Untergang bzw. schwerem Unbill retten soll und auch angeblich zwei mal diesen Zweck schon erfüllt hat. Ebenfalls zu sehen ist das Trinkhorn, welches mehrere Liter Bier fasst und von jedem neuen Clanchef zum Beweis seiner Männlichkeit „auf ex“ geleert werden muss.

Von der Isle of Skye Richtung Süden nach Fort William fahrend, muss man unweigerlich an Eilean Donan Castle am Loch Duich vorbei, wohl eines der am meisten fotografierten Castles, von denen es in ganz Schottland annähernd 1.000 gibt. Seit hier einige Szenen des Films „Highlander“ mit Christopher Lambert gedreht wurden, ist der Besucheransturm nicht mehr aufzuhalten.

 

Unweit von Fort William befindet sich der Ben Nevis, mit 1344 m (manche Quellen geben 1343 oder auch 1345 m an) der höchste Berg Großbritanniens. Wer hier Berghöhen aus den Alpen im Ohr hat, sollte sich nicht täuschen lassen. Alle Berge, die um die 1.000 m hoch sind, kann man nach Auskunft erfahrener Kletterer jederzeit mit den Dreitausendern in den Alpen vergleichen. Nicht umsonst gibt es in den schottischen Bergen jährlich mehr Todesopfer (durchschnittlich 60) als in den Alpen! Gefährlich ist dabei vor allem das unberechenbare, weil oftmals schlagartig wechselnde Wetter. Das Sprichwort „4 seasons a day“ hat dabei durchaus etwas Wahres. Jedoch kann sich der typische Schottlandurlauber davon nicht abhalten lassen. Getreu dem Motto, „Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur unpassende Kleidung“ ist auch der Regen kein Problem, vor allem wenn man weiß, dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit spätestens eine Stunde später wieder die Sonne scheint, als wäre dies den ganzen Sommer so.

 

Sollte einen dann doch einmal der Regen das Wandern vermiesen, ist auch das kein Grund, Trübsal zu blasen. Viele Museen, Castles und nicht zuletzt die zahlreichen Destillerien laden zu einem Besuch ein und am Abend kann man bei Real Ale und einem Gläschen Single Malt am mit Torf befeuerten Kamin im örtlichen Pub die Seele baumeln lassen.

 

Ohnehin ist es die Ruhe und die Einsamkeit, die einen immer wieder nach Schottland treibt. Abseits des vor allem in Deutschland hektischen Alltags sucht der Schottlandurlauber Entspannung bei einer Wanderung durch die heidebestandenen Hochmoore oder dem Besteigen eines der insgesamt 277 Munros, wie die Berge ab 3.000 Fuß Höhe genannt werden.

 

Zugegeben, für Schottland muss man schon ein wenig geboren sein. Wer sich der rauhen Schönheit des Landes nicht öffnen kann, wird wohl nie wieder zurückkommen. Nicht jeder wird von der unvergleichlichen Atmosphäre des Landes sofort gefangen. Wer sich jedoch die Zeit nimmt, die Landschaft mit ihrer überwältigenden Weite und Einsamkeit auf sich wirken zu lassen, wer die Geschichte des Landes studiert und deshalb so manche Eigenart der Menschen vielleicht eher begreift, der wird von diesem Land nicht mehr los kommen, der wird immer wieder wie durch eine geheimnisvolle Kraft dorthin gezogen. Ist man einmal weg von den Highlands, dann rufen sie!

 

Wie erkannte bereits der schottische Nationaldichter Robert Burns:

 

„Mein Herz ist im Hochland, mein Herz ist nicht hier“

und weiter

„Wo ich auch wandre und wo ich auch bin,

nach den Hügeln des Hochlands steht allzeit mein Sinn“.

 

Genau so ist es.

 

Jens Steinert